Die Walnuss als Hausbaum

Frühjahr 2016: Der Walnussbaum in seiner ganzen Größe (naja: fast)

An der Westseite des Alten Rentamts steht ein Walnussbaum. Seine waagerecht auskragenden Äste beschatten einen Kreis mit einem Radius von mindestens sieben Metern. Es ist ein mächtiger Baum, der das Haus überragt und ihm in Stürmen gefährlich werden kann. In der Krone sind einzelne Äste unter der eigenen Last gebrochen, möglicherweise hat auch hier – wie in der bereits gefällten Zypresse – der Blitz eingeschlagen. In den Herbststürmen wirft er regelmäßig Äste und Zweige ab. Die Ernte ist grundsätzlich gut, wenngleich die Früchte eher klein sind. Ausserdem läßt sich die Ernte nur schlecht verwerten, da die Walnussfruchtfliege seit Jahren hier reichlich Lebensraum findet und zahlreiche Nüsse deshalb vorzeitig faulen und zu Boden fallen. Dann graben sich die Larven in den unfruchtbaren Boden ein und überwintern, um im Folgejahr als geschlechtsreife Fruchtfliege aufzusteigen und den Kreislauf erneut beginnen zu lassen. Schlimmstenfalls schleppt man sie mit der Ernte in die Wohnung, wo sich der Kreislauf temperaturbedingt beschleunigt und Larven durchs Zimmer kriechen und sich verpuppen, teilweise sogar nach erfolgreichem Larvenstadium als Fliege durch das Haus flattern.

Gute Gründe, eine Entscheidung zur Fällung des Baumes umzusetzen. Jetzt im Winter ist dafür die ideale Zeit.

Sommer 2016: Der Platz unter dem ausladenden Walnussbaum mit Resten des abgeernteten Gierschs

Vorher beschließe ich noch, ein wenig zu lesen und stolpere über das Phänomen des Hausbaums, der heute zumeist nur noch aus sentimentalen Gründen gepflanzt wird, historisch und kulturhistorisch aber durchaus einige Bedeutung hat. Grundstücke in modernen Wohngebieten bieten zumeist auch kaum genug Platz, um einen Baum mit ausladender Krone zu pflanzen. Moderne Hausbäume werden deshalb – wenn überhaupt – eher nach ästhetischen Gründen ausgesucht und haben ihre überkommenen Funktionen weitgehend verloren.

Hausbäume sind meist aus bestimmten Anlässen gepflanzt bzw. neu gepflanzt worden. Diese Anlässe haben sich – bis zur Götterdämmerung der Moderne und dem Ende des mythischen und symbolischen Denkens – über die Jahrhunderte kaum gewandelt. Neben der Errichtung des Hauses kommen Eheschließungen und Geburten in die engere Wahl der Anlässe. Entsprechend ist auch die Auswahl des Baumes meist symbolisch beladen und kreist ganz wesentlich um – in alphabetischer Reihenfolge – Freundschaft, Fruchtbarkeit, Gedenken, Gerechtigkeit bzw. Gericht, Gemeinschaft, Liebe und Treue. Diesen Themen gemeinsam ist der Wunsch nach Dauerhaftigkeit des symbolisch Dargestellten, der sich in der Wahl zumeist besonders langlebiger Bäume mit starkem Wachstum manifestiert. Der hier konkret zu betrachtende Walnussbaum gilt durch seine hohen Erträge zusätzlich als Symbol der Fruchtbarkeit und hat eine Funktion in der christlichen Symbolik und Ikonographik.

Niedergeschlagen hat sich diese Symbolik – nur selten kritisch gebrochen, häufig jedoch sentimental verklärt oder erotisch aufgeladen – seit dem hohen Mittelalter in Kunst, Literatur und Musik. Dieser Niederschlag ist seit der zunehmenden Industrialisierung und Verstädterung im 19. Jahrhundert zuweilen mit antimodernistischen Ressentiments verknüpft, die in bewährt denunziatorischer Weise das traditionsverbundene Landleben dem von sich selbst und den natürlichen Zusammenhängen entfremdeten städtischen Leben entgegensetzen.

Die kulturgeschichtlichen Beweggründe zur Pflanzung eines Hausbaums sind mittlerweile nahezu vergessen und auch seine ökologische und in Teilen ökonomische Bedeutung spielen kaum noch eine Rolle. Mittlerweile beschäftigt sich allerdings ein Dissertationsvorhaben an der Architekturfakultät der Universität Stuttgart mit dem Phänomen des Hausbaums und seinen Auswirkungen auf das Mikroklima im direkten Umfeld.

Wann und weshalb der Walnussbaum an der Wetterseite des Alten Rentamts gepflanzt wurde, ist nicht mehr nachvollziehbar. Seine konkrete Funktion hingegen lässt sich mit etwas Lektüreaufwand oder Kenntnis natürlicher Zusammenhänge durchaus nachvollziehen.

Der Walnussbaum zeichnet sich vor allem durch die gute Nutzbarkeit seines Holzes für die Möbelproduktion aus, da es sehr hart und dadurch dauerhaft, wenn auch nicht witterungsbeständig ist. Der Baum trägt reichlich und die über einen langen Zeitraum genießbaren Kerne der Walnussfrucht gelten durch ihren hohen Anteil an Mineralien, Vitaminen und Omega-Fettsäuren als gesund und wohlschmeckend.

Darüber hinaus hat der sommergrüne Laubbaum eine ökologische Funktion für das Haus und seine unmittelbare Umgebung, indem er nämlich die Auswirkungen von Wettereignissen reduziert. Diese Funktion ist in Zeiten von Wärmedämmung sowie wind- und regendichten Fenstern nicht mehr ganz so wichtig wie seine eher global bedeutsame Funktion als Sauerstoffproduzent. Dennoch reduziert er an der Wetterseite des Hauses die Auswirkungen von Regen und Sturm auf die Fassade und reguliert zumindest im Sommer durch Verdunstung und Verschattung den Wärmeeintrag ins Gebäude. Da die Walnuss erst sehr spät im Jahr austreibt und ihre Blätter auch relativ früh wieder verliert, treffen umgekehrt in Frühjahr und Herbst wärmende Sonnenstrahlen relativ ungehindert auf die Fassade und können tagsüber – sofern eine moderne Dämmung das nicht verhindert – die Innenräume erwärmen.

Februar 2016: Schneeglöckchenfelder kündigen den Frühling an

Außerdem eignet er sich wunderbar für die Gestaltung eines schattigen Sitzplatzes im Garten. Besonders die Walnuss vertreibt durch den hohen Gerbsäureanteil in ihren Blättern Insekten (bis auf die Walnussfruchtfliege) aus der Nähe des Hauses, was leider dazu führt, dass der Boden unter dem Baum – im konkreten Beispiel mit den Ausnahmen von Giersch und Schneeglöckchen – weitgehend unfruchtbar ist, wenn man nicht im Herbst regelmäßig das herabfallende Laub entfernt und abfährt.

Der Baum kann eine Höhe von 10 bis 30 Metern erreichen und in Zeiten zunehmender extremer Wettereignisse zur Gefahr für das Haus werden, das er doch eigentlich vor Witterungseinflüssen schützen soll. Deshalb haben wir uns schließlich dazu entschlossen, ihn zwar zu erhalten und biologische Maßnahmen gegen die Walnussfruchtfliege zu ergreifen, ihn aber stark zurückzuschneiden, um ihn dauerhaft – Walnussbäume können bis zu 160 Jahre alt werden – zu erhalten und abzuernten.

Beim Erhalt hilft ein erfahrener Nachbar, der in einem früheren Leben als Freileitungsmonteur gearbeitet hat und als kenntnisreicher Freizeitgärtner die Notwendigkeit einer intensiven Baumpflege sofort erkannt hat. Mit Beginn der Wachstumsphase im Frühjahr 2022 wird auch diese Maßnahme abgeschlossen sein und die zwischen Haus und Hausbaum gelegene Terrasse wieder nutzbar sein.

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