Tragödie Tragwerk

Schon während des Rückbaus der früheren Einbauten stellte sich das Tragwerk als Hauptschwachpunkt des Gebäudes heraus.

Von außen sichtbares Zeichen der statischen Fragilität des Gebäudes ist die nach außen geneigte Fassade der Erweiterung nach Osten. Im Inneren zeigten sich die Verformungen erst mit dem allmählichen Voranschreitung des Rückbaus der Einbaudecken und aufgedoppelten und aufgetripelten Fußböden vor allem im Dachgeschoss des Rentamts. Sondierungsöffnungen im Mauerwerk an den Fachwerkverbindern zeigten Schäden, die auf ungleichmäßig wirkende Kräfte hindeuteten. Entlang der Streben und Riegel zeigten sich vor allem nach Entfernen der Tapeten Putzrisse, die auf ältere Setzungen hinweisen.

Entsprechend ernüchternd fielen die ersten Berichte des beauftragten Statikers aus, die sehr viel richtige Beobachtungen enthielten und einen immensen Aufwand einer Substitution beschädigter Hölzer erahnen ließen.

Ein wirkliches Konzept, das die geplanten Maßnahmen verfolgten, ließ sich freilich nicht erahnen, sodass es nach einer ersten Kostenschätzung für die statischen Maßnahmen zu einem Krisengespräch mit dem Landesamt für Denkmalpflege kam, das schließlich zur Beauftragung eines mit der denkmalgerechten Sanierung bestens vertrauten Büros führte.

Ohne die Expertise dieses Büros wäre das Gebäude wahrscheinlich nicht zu retten gewesen. Allerdings war der Preis für diese Rettung und die mit diesen Maßnahmen verbundenen weiterführenden Arbeiten für eine Privatperson nahezu nicht tragbar. Dank der engen Kontakte des Planungsbüros gelang es auch, in der laufenden Sanierung eine Nachfinanzierung durch das Landesamt für Denkmalpflege zu bekommen.

Über mehrere Monate hinweg wurde nach der endgültigen Beauftragung dieses Büros das Gebäude digital vermessen und die Pläne für die statische Ertüchtigung des Rentamts erstellt. Die Entscheidung für eine additive Statik, die die vorhandene Bausubstanz weitgehend erhalten soll, sie aber von ihrer das Gebäude stützenden Funktion teilweise entlastet, wurde in einer Machbarkeitsstudie getroffen und anschließend detailliert ausgearbeitet. Im Rahmen dieser Ausarbeitung stellte sich auch heraus, dass das Kellergewölbe ebenfalls starke Verformungen im Bereich der darüber stehenden Schornsteine aufweist, die den Gewölbescheitel um ca. 20 cm nach unten drückten. Es zeigte sich, dass die Schornsteine, verursacht wahrscheinlich durch die unsachgemäße Erweiterung von 1717 und weitere Veränderungen im Gebäudegrundriss, als Auflager für die Balkenlage der Decke zum Dachgeschoss mutierten und durch das Gewicht, das jetzt auf ihnen lastet,e das Gewölbe nach unten drückten.

Auch für dieses Problem wurde eine Lösung gefunden, die im Einbringen eines Stahlbetonunterzuges unterhalb des Gewölbescheitels besteht, der seine Last auf drei Stützen verteilt, die wiederum über ein Streifenfundament abgetragen werden. – So sollte es zumindest sein. Das Bodengutachten sollte nur eine Formalität sein, die aber erbrachte, dass das Gebäude auf einer Schluffblase gebaut worden war, die die konstruktiven Fehler des Erweiterungsbaus von 1717 verstärkte, weil sie keinen tragfähigen Grund für das Gebäude bot. Die geologische Untersuchung fand erst in 24m eine tragfähige Gesteinsschicht vor, in die – so die Lösung des Tragwerksplaners Mikropfähle einbetoniert werden sollten, die das Streifenfundament stabilisieren sollen. Letztlich ruht das Gebäude also auf ungefähr 28 m langen Mikropfählen mit einem Durchmesser von 20 cm.

Gründungspfahl eines historischen Fundaments auf der Berliner Museumsinsel, jetzt ausgestellt in der James-Simon-Galerie und umgeben von menschlicher Staffage. Deutlich werden an diesem Eichenpfahl die Dimensionen einer solchen mehr als 20m in die Tiefe reichenden Gründung.

Auf der Grundlage dieser immerhin vier dicke Leitzordner umfassenden Planung konnten dann endlich die Rohbauarbeiten beginnen.

Neben diesen „Großschadenslagen“ überraschte das Gebäude im weiteren Verlauf der Sanierung immer wieder durch neue, bislang unbekannte Probleme, die die Kosten für die tragwerksbedingten Sanierungsmaßnahmen in bislang nicht für möglich geglaubte Höhen schraubte. Neben einigen wenigen durchgefaulten Dachbalken und mehreren kleineren feuchtebedingten Schäden im Tragwerk der Fassade überraschte der Zustand der Decke über der Eingangshalle. An der Westseite hingen nahezu alle Deckenbalken frei, weil die Balkenköpfe teilweise durch Wettereinwirkung, teilweise aber auch durch wahrscheinlich in der unmittelbaren Nachkriegszeit unsachgemäß eingebrachte Wasserleitungen (fehlende Isolierungen) abgefault waren. Dies führte leider dazu, dass eine Zwischenwand ebenfalls abgetragen und erneuert werden musste, da sie auf einem dieser abgefaulten Balken stand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.